Warum gibt es so viele Männer in der Comedy?

Das ist eine mir sehr häufig gestellte Frage. Sie ist leicht zu stellen, schwer zu beantworten. Als Comedian, nicht als Wissenschaftlerin, sage ich hier dazu pragmatisch:
Es gibt viele Frauen, die hauptberuflich auf der Bühne stehen. Also: Bucht sie, gebt ihnen Geld, zeigt sie, supportet sie, findet sie, seid nicht lazy, werdet nicht defensiv, wenn wir über schlechte Erfahrungen in der Szene reden. Nicht nur eine buchen, sondern alle. Oder, Gegenvorschlag: Männer, lehnt Anfragen für Mixshows ab, wenn dort nur Männer auftreten.

Als ich 2013 mit Comedy angefangen habe, gab’s kaum Comedybühnen und kaum Publikum. Und noch weniger Frauen. Auch wir Comedians waren oft komplett ahnungslos. Es war eine schöne, anstrengende Zeit. 2015 habe ich dann “Stand-up for the Ladies” gegründet, das einzige Comedy-Mic mit weiblichem Line-up. Manchmal war es einfach, genug Frauen zu finden. Manchmal musste ich sie aus den letzten Ecken der Republik und dem Ausland nach Hamburg locken, zerren, zwingen. Es war eigentlich ein völlig wahnwitziges Unterfangen, das sich aber gelohnt hat. Viele Frauen hatten dort ihren ersten Auftritt in einem geschützten Raum. Auch die Quotenmänner, die eine Auftrittserlaubnis von mir hatten, spiegelten, dass das die netteste Show ist. “Kein Backstage-Gebalke, kein Rum-ge-bro-e”, sondern Unterstützung, Spaß an der Kunstform und immer ein offenes, dankbares Publikum. Und die Erkenntnis: Je diverser ein Line-up, desto interessanter die Show!

“Witze ohne Bart” hieß die erste Ausgabe. Eine Archiv-Fotostrecke (von Sergey Sanin) und das erste Showplakat (von mir gezeichnet) seht ihr unten in der Galerie.

Das ist jetzt über zehn Jahre her. Mittlerweile hat sich die Szene geändert. Es gibt viel mehr weibliche Comedians. Es gibt explizit queer-freundliche Shows. Mittlerweile verändert Autocorrect “Komikerin” nicht mehr in “Kosmetikerin”. Ich glaube die letzte Show war 2019, weil ich dann nach Berlin zog. Es tut sich was! Aber es gibt immer noch die “All-Male-Line-ups”.
Hier ist daher eine lange Liste von lustigen Frauen aus unterschiedlichen Genres:
https://www.sisters-of-comedy-nachgelacht.de/künstlerinnen/
Was Stand-up Comedians angeht, könnt ihr mich auch kontaktieren und dann empfehle ich gerne einzelne Personen weiter.

Und hier ein kleines Bücherregal zum selber informieren:

1)
Why have there been no great women artists? Ein toller Essay von Linda Nochlin von 1971. Es geht zwar um bildende Kunst, aber es gibt viele Überschneidungen.

https://www.artnews.com/art-news/retrospective/why-have-there-been-no-great-women-artists-4201

2)
Vor Jahren fand ich einen Blogeintrag auf Jen Kirkmans website, warum sie Journalistinnen bittet, ihr diese Frage nicht zu stellen. Preach!

http://www.jenkirkman.com/jens-blog/definitive-guide-of-how-not-to-interview

3)
A Book For Her – Bridget Christie (2015).
„If you’re interested in comedy and feminism, then this is definitely the book for you. If you hate both then I’d probably give it a miss.“ (goodreads)

4)
Habt ihr Empfehlungen? Dann bitte immer her damit. <3

Ansonsten: Weitermachen! Oder: Aufhören. Aufhören ist manchmal auch ok!

Möchtest du Stand-up Comedy machen, weil du die Kunstform liebst, aber weißt nicht so recht, wie du beginnen sollst? Oder bist du schon eine Weile dabei und rennst immer gegen die gleichen Wände und brauchst irgendwie Hilfe? Schreib’ mir gerne deine Fragen und ich versuche zu helfen: hello (at) ingridwenzel.de