Women’s History Month bei Watson.de

Im März hat watson.de jeden Tag eine Frau und ihre Arbeit vorgestellt. So kann man kurze Porträts über tolle Persönlichkeiten wie die Ärztin Kristina Hänel, die Journalistin Sibel Schick, die Rapperin Ebow oder Politikerin Dorothee Bär lesen. Ich bin happy, die Humorbranche zu vertreten. Vielen Dank für das tolle Porträt, was ihr hier nachlesen, sowie durch alle anderen stöbern könnt:
“Frauentag: Stand-up Comedian Ingrid Wenzel macht Witze ĂĽber Wichtiges”

Fotocredit: Sergey Sanin / Arrangement watson.de

Abschlussfrage jeder Vorstellung war, was man seinem jĂĽngeren Ich raten wĂĽrde. Welches ich, das gestrige oder das pubertäre, bleibt offen. Es war gar nicht einfach, die richtigen Worte zu finden. Was ist wirklich wichtig? Bitte date nicht diesen einen Freak? Was kann man wirklich raten, was nur selber herausfinden, also erraten? Interessant fand ich, dass ein bestimmter Tipp es in die Ăśberschrift geschafft hat: Mach dich nicht klein. Tatsächlich war das ein ganz wichtiger Ratschlag meines Kollegen Heino Trusheim. Kleinmachen, sich entschuldigen – eine Eigenart, die ich bei vielen meist weiblichen Performern beobachte. Was ich mir wohl in zehn Jahren raten wĂĽrde? Iss’ nicht so viel Zucker? Lass endlich den Leberfleck auschecken? Leg dein Geld ordentlich an? Habt ihr gute Tipps?

 

Geschlechterstereotype brechen – one joke at a time

Ich freue mich, wenn nicht nur ich über mich selbst rede, sondern auch mal andere. JokeFM hat letzte Woche ein kurzes Interview mit mir geführt und zeigt ein paar meiner Cartoons über Comedy.  Refinery29 hat letzten Monat ein paar meiner Zitate zur Comedyszene abgedruckt und Watson.de hat meinen Comedytalk auf Youtube als Positivbeispiel genannt, das Geschlechterstereotype durchbricht: Danke für die Shout-outs!

 

 

 

 Refinery29 hat einen Artikel über Frauen in der Comedy geschrieben und mich um ein paar Zitate gebeten zusammen mit Maria Clara Groppler und Erika Ratcliffe. Hier sind sie:

 

Der nächste Gast ist eine Gästin
Ingrid Wenzel, Maria Clara Groppler und Erika Ratcliffe trauen sich das, was für viele ein Albtraum ist: Auf einer Bühne im Scheinwerferlicht zu stehen, Geschichten erzählen und ein Publikum unterhalten zu müssen. Sie alle haben klein angefangen, teilweise mit einem schlecht eingestellten Mikro vor einer einzigen Person gestanden, oft versagt, vieles gelernt und dann doch wieder gesiegt. Sie alle kennen Situationen, in denen sie vor, nach und während der Shows die einzigen Frauen in einer Gruppe von Männer waren, deren Inhalte auf der Bühne auf ein Thema, nämlich Frauenfeindlichkeit, herunterzubrechen waren. „Man braucht ein dickes Fell, ich bestehe nur noch aus Fell“*, meint Wenzel. Noch bevor ich die Frage nach ihren Erfahrungen mit Sexismus und sexuellen Übergriffen stelle, glaube ich ihre Antworten zu kennen. „Natürlich“, sagt Wenzel, „Wie jede Frau, oder?“, fragt Ratcliffe.
(…)
(c) erikaratcliffe.com (c) mariaclaragroppler.de

 

You can’t be what you can’t see 
 (…) „Je mehr und je unterschiedlichere Stimmen auf der BĂĽhne gehört werden, desto besser ist es fĂĽr uns Comedians, fĂĽr das Publikum, fĂĽr die Gesellschaft“, so Wenzel. Sie ist eine von vielen Komikerinnen, die fĂĽr eine geschlechtergerechte Zukunft kämpfen. Auch Groppler findet es wichtig, dass Clubs beim Booking auf Gender-Equality achten. „Wenn eine Show nur aus Männern besteht und Themen nur aus ihrer Sicht erzählt werden, ist das sehr schade.“
(…)
Ingrid Wenzel Comedy
(c) SergeySanin.com / Stand-up for the Ladies. Vlnr: Ingrid Wenzel, Thomas Schwieger, Sarah Schmerse, Jacqueline Feldmann, Don Clarke, Lena Liebkind & Birte Rehberg

(…) So hat Wenzel ihren Anfang auf Hamburger BĂĽhnen gemacht und dort selbst eine LGBTQ-freundliche ComedybĂĽhne gegrĂĽndet, weil eine Show dieser Art noch fehlte. Aktionismus im Business ist genauso wichtig, wie eine Vorbildfunktion innezuhalten. Heute ist sie in Berlin Teil der alternativen Comedy-Szene. „Wir haben immer mehr Frauen und Shows mit vielfältigeren Line-ups und offenem Publikum. Das wĂĽnsche ich mir deutschlandweit und im Fernsehen.“ Die Kontaktdaten ihrer Kolleginnen speichert sie in einer Excel-Liste, die sie regelmäßig aktualisiert. „Falls mich jemand nach Vorschlägen fragt“, erklärt sie. „Da stehen grade etwa 40 Frauen drauf.“

(…)

MĂĽssen sich (Frauen) mehr reinhängen? Wenzel meint nein, denn „Comedy ist eine einzige Challenge. FĂĽr alle Teilnehmer*innen. Es gibt keine Routine, jeder Abend ist anders. Man lernt zum Beispiel wie man mit Zwischenrufen umgeht oder wenn niemand lacht.“ (…)

(c) Sergeysanin.com / Stand-up for the Ladies: Birte Rehberg, Mazi Comedy, Regina Pichler, Thomas Schwieger, Ingrid Wenzel, Alex Don, Alicja Heldt,  Dilan Yildiz, Jenny Kallenbrunnen

If you gotta make a rape joke use the “Ingrid Wenzel rape joke tool kit”

(…) Und wie gehen sie mit dem sensiblen Thema der politisch korrekten Sprache um? Hat diese ĂĽberhaupt etwas in der Comedy verloren? Wenzel hat dafĂĽr einen Bauplan, den sie beim Kreieren ihrer Inhalte ständig anwendet: „Je sensibler das Thema, desto besser muss der Witz sein.“ Was das im Konkreten bedeutet, erklärt sie uns gern: „ Am Beispiel von Vergewaltigungswitzen können sich Comedians drei Fragen stellen. Erstens: Ist der Witz auf Kosten der Opfer oder auf Kosten der Täter, Rape-Culture oder unseres Rechtssystems? Zweitens: Ist der Witz gut genug, um die Traumawiederholung und Reviktimisierung von Opfern sexueller Gewalt [Anm. d. Red.: also einer erneuten Traumatisierung in einem späteren Lebensabschnitt], die höchstwahrscheinlich im Publikum sitzen, zu rechtfertigen? Und Drittens: Steht auf der BĂĽhne jemand, der oder die bloĂź schockieren will, oder ein Comedian, der oder die pointiert auf ein Ăśbel hinweist, um die Welt ein StĂĽck besser und lustiger zu machen?“ (…)

 

(c) Sergeysanin.com / Stand-up for the Ladies: Ingrid Wenzel, Jenny Kallenbrunnen, Zig-A-Zig-Ah, Kristina Bogansky, Melanie Gerland, Martin Niemeyer, “die Polin”, Phil Gouri

 

(…) „Man kann nicht darauf vertrauen, dass die Verantwortlichen fĂĽr Strukturen und Verhaltensweisen kämpfen, dass sich Frauen dazugehörig fĂĽhlen“, meint auch Wenzel. Wer Comediennes unterstĂĽtzen möchte, kann beispielsweise Content von Frauen streamen, Open-Mic-Veranstaltung besuchen, und Comediennes auf Instagram und Facebook folgen. Dann geht vielleicht auch Wenzels größter Wunsch in ErfĂĽllung. „Ich hoffe, dass es in fĂĽnf Jahren selbstverständlich ist, 50/50 Line-ups zu buchen und wir ĂĽber das Thema nicht mehr reden mĂĽssen.“

 

Alle meine Freundinnen sind lustiger als ich, aber sie gehen nicht auf die BĂĽhne. Menschen, die verantwortlich fĂĽr Shows sind, sollten sich fragen, welche Strukturen und Verhaltensweisen helfen, dass sich Frauen dazugehörig fĂĽhlen.  Ich wĂĽnsche mir, dass Frauen mehr Sendezeit und Geld gegeben wird. Dass Menschen an entscheidenden Positionen sich nicht nur fĂĽr Quoten und Zahlen verantwortlich fĂĽhlen, sondern auch fĂĽr Inhalt und Repräsentation. Es gibt kein „diverstiy audit“ in unserer Branche. Es zählt nur: ist es lustig. Aber oft kommen nicht mal die, die lustig sind, nach oben. Eine „all-female“ Show (wie z.B. zuletzt „Sisters of Comedy – Nachgelacht“) nennt man “Ladies Night”. Ein „all-male“ Line-up nennt man leider Comedyshow.

Es gibt immer mehr Frauen in der Comedyszene und ich wünsche mir, dass es noch mehr werden. Ich wünsche mir auch, dass das Publikum offener und kritischer wird. Dass z.B. einer ruhigen Frau auf der Bühne (und im Leben) dieselbe Aufmerksamkeit und Vertrauensbonus gegeben wird, wie einem lauten Mann. Dass Frauen bei offenen Bühnen genauso selbstverständlich scheitern dürfen, ohne „als Frau“ bewertet zu werden. Comedy zu machen heißt am Anfang oft schlecht zu sein und daraus zu lernen.

Mein Appell: Geht auf die Bühne, fangt klein an, aber macht. Arbeitet, habt Spaß, feiert das anfängliche Scheitern und schafft euch Räume. 

Möchtest DU mit Comedy beginnen, aber weisst nich wie und wo? Schreib mir!

 

Women in comedy
Best class photo thanks to (c) www.SergeySanin.de: Anton GrĂĽbener, Kristina Bogansky, Birte Rehberg, Stephy Bauer, Natalie Schröder, Annie Winter, “die Polin”, Jenny Kallenbrunnen, Ingrid Wenzel.

 

*der Fell-Gag ist mal in Thomas Schwiegers Küche entstanden und gehört seitdem ihm!

Comedy Talk – Two Comedians in a Bar Drinking Coffee

Comedy Talk Youtube
Ingrid beim Comedy Talk Intro Filmen in der Kupferbar Berlin

 

Comedy ist nur was fĂĽr Leute, die Humor hassen.
Es gibt keine guten, deutschen Comedians.
Deutsche Comedy ist nur Witze erzählen.

Comedy heiĂźt immer nur andere schlecht machen.
Alle Comedians schreiben Witze von Facebook ab.
Comedy ist niveaulos.
Seit Loriot gibt es keine lustigen Comedians mehr.
Deutsche Comedians klauen alle von US Comedians.
Youtube ist nur was fĂĽr unlustige Selbstdarsteller.
Jeder Affe mit ‘nem Mikro hat ‘nen Podcast.

Ich kann’s nicht mehr hören. Ok, außer das mit dem Podcast stimmt.
Dass es nämlich auch anders geht, versuche ich beim Comedy Talk auf Youtube. Die Comedy Konterrevolution:
Jede Woche* unterhalte ich mich eine gute halbe Stunde mit Comedians über Comedy. Wir gehen’s in Detail, was Comedy angeht und streifen alle anderen Themen, die uns spontan einfallen: Comedy als Handwerk, die ersten Schritte, glorreiche und schmerzhafte Auftritte und welche Tipps sie gerne am Anfang selbst bekommen hätten. Just two comedians in a bar drinking coffee. Ich hoffe euch gefällt’s auch?

Hier ist das aktuelle Video mit Maxi Gstettenbauer:

Und alle Videos gibt es hier:

https://www.youtube.com/channel/UCSoyoGalEnHmXc3XybPUTVQ

Die kommenden Wochen kommen jetzt immer neue Videos. Wen sollte ich auf jeden Fall noch interviewen? Am 26. Oktober ist ja Dave Chappelle wieder in Berlin, vielleicht hat er ja Zeit fĂĽr uns?

Comedy Talk Youtube

Some Behind the Scenes und dabei ein big shout out an Christopher von Comedy247 fĂĽr’s Filmen, Schneiden und Organisieren.

 

*also immer so, wie wir Zeit haben, da wir dafĂĽr keine Kohle kriegen.